5. bis 1. Jahrhundert v. Chr.



Hellenistische Glyptik


Die hellenistische Epoche, in die auch die Zeit Alexander des Großen fällt, dauerte vom Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr. bis zur Einverleibung Ägyptens - des letzten hellenistischen Reiches - in das Römische Reich 30 v. Chr.
Die Zeit des Hellenismus zählt zu den reichsten Entwicklungsphasen der griechischen Kunst. In dieser Epoche breitete sich die griechische Kultur über alle Länder des Mittelmeerraums aus. Neben den traditionellen Kristallisationspunkten griechischer Kultur entstehen neue Zentren, wodurch auch die Vielfalt der Stile und Formen wächst.

Der Begriff Hellenismus ‚Griechentum‘ bezeichnet in der Glyptik die geschichtliche Epoche, in der die alten Formen der Gemmen langsam verschwinden. Skarabäus und Skarabäoid sind gegen Ende dieser Epoche nicht mehr anzutreffen. Jetzt werden stark konvexe Steine bevorzugt und in Ringe gefasst. Oft werden die durchscheinenden Steine auf der Rückseite konkav geschliffen was die Gravur plastischer erscheinen lässt. Granat und Hyazinth mit ihren leuchtenden Farben sind beliebt.

 



Ptolemäische Prinzessin mit Diadem
Saphir-Intaglio

2. Jahrhundert v. Chr.

 



Ptolemäische Prinzessin mit Szepter und Doppelfüllhorn mit Königsbinde
Karneol-Intaglio
Goldfassung mit Granaten und grünem Glas

2. Jahrhundert v. Chr.

In dieser Epoche beginnt auch die Kunst des Kameenschnitts. Kameen aus mehrschichtigen Lagenachaten wurden wahrscheinlich im ptolemäischen Alexandria des 3. Jahrhunderts v. Chr. erfunden. Die schönsten antiken Kameen stammen aus dieser Zeit – farbenprächtige, feinst ausgearbeitete Kunstwerke in einer atemberaubenden Qualität.
Gemmen nennt man die durch Farbe und Glanz faszinierenden Meisterwerke der Steinschneidekunst, kleine gravierte Edelsteine, in den Stein eindringende ästhetische Kompositionen, Kunstwerke, die vom Betrachter in die Hand genommen, zum Leben erwachen. Gemmen sind eine eigenständige Gattung der Kunst, anderen Kunstformen ebenbürtig; Miniaturen auf kleinster Fläche, die in ihrer größten Länge wenige Zentimeter selten überschreiten.

 

Siegesgöttin im Triumphwagen mit Viergespann

Ca. 300 v. Chr.
Intaglio aus graubraunem Sard


Kunsthistorischen Museum, Wien, IXa 18

 

 

Glyptik - Gemme - Kameo – Intaglio

 

Die Kunst des Steinschneidens, also das Gravieren von Edelsteinen wird "Glyptik" genannt. Glyptik ist eine Ableitung des altgriechischen Wortes glýphein, was aushöhlen oder eingraben bedeutet.
 "Gemme" ist  lateinischen Ursprungs und abgeleitet von Gemma — dem gravierten oder nur geschliffenen und polierten Edelstein.  Der Begriff "Gemme" steht sowohl für einen vertieft, wie auch für einen erhaben geschnittenen Edelstein. "Gemme" lässt sich in "Intaglio" und "Kamee" unterteilen, wobei Intaglio für einen vertieft gravierten und Kamee für einen erhaben gravierten Stein steht. Auch die Berufsbezeichnung gemmarius sculptorder Gemmen- bzw. Steinschneider der Antike — ist auf das Wort Gemma zurückzuführen.
Das Wort „Kameo“, das wohl die Kreuzfahrer nach Europa mitbrachten, findet man seit dieser Zeit in zahlreichen mittelalterlichen Texten in diversen Variationen, die meist mit cama oder gama beginnen, wie zum Beispiel camahatus, camaie oder gamah und gamähinstein. Im Persischen trifft man auf das Wort chumahäu. Die genaue Herkunft des Wortes Kameo ist jedoch noch immer nicht geklärt. Die seit dem 18. Jahrhundert in Deutschland üblichen Bezeichnungen Kameo (der Kameo) oder Kamee (die Kamee), sind auf die italienischen und französischen Wörter cameo und camée zurückzuführen.
Das italienische Wort "Intaglio" verwendet man ausschließlich für einen vertieft geschnittenen Stein. Intaglio ist abgeleitet von intagliare - graben oder gravieren. Die deutsche Pluralform lautet "Intaglien". (4a)

 

 



Karneol-Intaglio

Jugendlicher hellenistischer Herrscher mit flatternder Kranzschleife.
Die schlanke Gestalt hält mit der rechten Hand ein Blitzbündel.
Über dem linken Unterarm liegt die Ägis. Zu seiner Rechten, ein aufblickender Adler.
Unterhalb des linken Arms ein leicht gewölbter nach innen gedrehter Rundschild; die Griffschiene ist sichtbar.

Die Inschrift lautet: NEISOS

1. Jh. v. Chr. ?
Ermitage zu St. Petersburg

 

 

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   Siegelring mit Karneolintaglio
 
Die Technik des Kameenschnitts entfaltete sich in der hellenistische Epoche zur höchsten Vollendung. Prachtkameen aus Achaten mit mehrfachen Schichten ( Lagenachate) wurden gefertigt. Der „Ptolomäerkameo“, der sich heute im Kunsthistorischen Museum in Wien befindet, stammt aus dieser Zeit. Er zeigt wahrscheinlich die gestaffelten Porträts des Ptolemaios II. (283-246 v. Chr.) und seiner Schwester und Gemahlin Arsinoë II.


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Ptolomäerkameo
(Fragment, überarbeitet)


Kunsthistorischen Museum, Wien





Ein weiteres großes Doppelporträt aus dieser Zeit, der „Cameo Gonzaga“ (15.7 x 11.8 cm), befindet sich heute, nachdem er von Kaiser Napoleons Frau Josephine, Zar Alexander I. geschenkt wurde, in der Ermitage zu St. Petersburg. Benannt wurde der Kameo nach seiner einstigen Besitzerin, Isabella d´Este, der Gemahlin des Herzogs von Mantua, Francesco Gonzaga.

 



Cameo Gonzaga
(Fragment, überarbeitet)

Ermitage zu St. Petersburg

 

Das bedeutenste Prunkstück dieser Epoche ist die „Tazza Farnese“ in Neapel. Eine ca. 107 v. Chr. hergestellte, beidseitig gravierte prachtvolle Schale aus Lagenachat mit einem Durchmesser von 20 cm.

 

tazza

Tazza Farnese
Archäologische Nationalmuseum Neapel

 

 

 

Auch der „Coupe de Ptolémé „ in der Nationalbibliothek in Paris, ein aus einem großen Stück Sardonyx geschnittener Kantharos, muss erwähnt werden. Gestalten aus dem Kreis der Aphrodite und des Dionysos waren zur Zeit seiner Herstellung beliebt, so ist auch die ganze Darstellung auf diesem Kantharos von dionysischer Festesfreude erfüllt - die Gravur ist überladen mit wahllos verteilten Kultgeräten und Masken, Weinranken und Trinkgefäßen.

 

 
Coupe de Ptolémé.  
Nationalbibliothek, Paris

Foto: © Marie-Lan Nguyen
 
Neben den prächtigen Porträts und großen Prunkkameen wurden natürlich auch kleine Kameen und Intaglien gefertigt und zu Schmuck verarbeitet. Anders als die großen Staatskameen, auf die sich kein Graveur getraut hätte seinen Namen zu setzen, wurden einige dieser kleinen Steine signiert. Unter den kleinen hellenistischen Kameen ist der von Athenion signierte Kameo in Neapel der berühmteste - er zeigt Zeus im Gigantenkampf. Die Signatur ist erhaben, also auch in Kameentechnik gearbeitet.

 

                

Mythen – traditionelle Erzählungen von besonderer Bedeutsamkeit – welche den Menschen
der Antike in allen Lebensbereichen allgegenwärtig waren, lieferten eine unendliche
Vielfalt von Themen für die Glyptik.
Eines der schönsten Stück der hellenistischen Glyptik ist der kleine fragmentierte  Pan-Kameo, einst in der Sammlung Strozzi in Florenz, dann im Besitz des Malers J. H. Wilhelm Tischbein. Nach seinem Tode wurde der Kameo an die Berliner Museen verkauft. Tischbein, ein Freund von Goethe, schreibt über den Kameo: Pan, der Gott des Waldes, der sich der Ziegen und Lämmer freuet, hüpfend, mit einem Weinschlauch auf der Schulter, worüber ein Leopardenfell hängt. Ihm folgen zwei muntere, springende Ziegenböcke, die er an einer Epheuranke führt... .
Porträts sind in der hellenistischen Glyptik allgegenwärtig. Die Porträts von Alexander dem Großen waren bis weit in die römische Kaiserzeit Vorbild für die Darstellung anderer Herrscher. Alexander beschäftigte - nach literarischer Überlieferung - Pyrgoteles, der als bedeutendster Gemmenschneider der Alexanderzeit genannt wird.
Leider ist von ihm kein signiertes Werk erhalten.
Alexander der Große.
 
Nationalbibliothek, Paris.
Kollektion, Louis XIV.

 



Alexander der Große auf dem Mosaik der Alexanderschlacht aus dem Haus des Faun in Pompeji.

Archäologische Nationalmuseum Neapel

 

 

Etruskische Glyptik



Etruskischer Intaglio aus Karneol

Ajax mit dem Körper des Achilles
1.5 x 1.1 cm

ca. 5. Jh. v. Chr.

Der Intaglio zeigt eine Szene aus dem Trojanischen Krieg: der Held Ajax, Sohn des Telamon, trägt auf seiner Schulter den in der Schlacht getöteten Achilles. Der Geist des Achilles ist unten als eine kleine geflügelte Figur dargestellt. Die Namen der Protagonisten sind in ihrer etruskischen Form eingraviert. Die Oberseite des Steines ist als Sirene (halb Frau, halb Vogel ) gestaltet.

 

 

   

Etruskischer Skarabäus aus Achat
Tanzender Satyr mit Kantharos
ca.6. Jh. v. Chr.




 

Italien stillte in archaischer Zeit das Bedürfnis nach Gemmen durch Importe. Erst gegen Ende des 6. Jahrhunderts v.Chr. begannen die kunstliebenden Etrusker, ein Volk wohl östlicher Herkunft - handwerklich hochbegabt - die Gemmen nachzuahmen.
Die Etrusker, selbst nannten sie sich „Rasna“, bildeten die erste Hochkultur auf italischem Boden. Ihre Kultur ist zwischen 800 und 100 v. Chr. nachweisbar. Sie lebten im nördlichen Mittelitalien, in Etrurien, im Raum der heutigen Regionen Toskana, Umbrien und Latium. Die Etrusker übernahmen den Skarabäus, den sie sehr fein, besser als ihre griechischen Kollegen, ausarbeiteten und hielten an dieser Form länger fest als das griechische Mutterland. Tiefroter Karneol war der bevorzugte Stein. Da die bis jetzt gefundenen Steine ungewöhnlich eingängig in der Farbe sind, ist davon auszugehen, dass sie wahrscheinlich durch Erhitzen verschönert wurden. Die Motive sind in der Regel von einem Strichrand, später auch von einer Punktkette eingerahmt. Die Etrusker liebten die strenge Raumfüllung. Ihre Figuren, meist in gebeugter Haltung, füllen fast immer vollständig die vorhandene Fläche. Nur selten wird diese Anpassung an den Raum aufgegeben und die Figuren werden auf einen geraden Strich gestellt. Etruskische Gemmen sind nicht signiert, deshalb ist uns auch nicht ein einziger etruskischer Gemmenschneider bekannt. Die Inschriften auf etruskischen Gemmen dienten entweder der Benennung der Figuren, oder zeigten den Namen des Besitzers.


Etruskischer Skarabäus
Philoktet von Palamedes gestützt.

 

Etruskischer Skarabäus
aus rotbraunem Karneol

Satyr auf einem Amphorenfloß
ca. 4. Jhr. v. Chr.

Kunsthistorischen Museum, Wien, IXb 203

 



Etruskischer Skarabäus
aus Karneol

Herkules mit einem geflügelten Monster
ca. 5. Jhr. v. Chr.

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Der berühmteste etruskische Skarabäus ist auch einer der schönsten. Auf einer Fläche von nur 16,2 x 12,7 mm zeigt er eine hervorragend komponierte Fünfergruppe. Leider wurde der Skarabäus irgendwann einmal in zwei Teile zersägt und getrennt in zwei Goldringe gefasst. Der Käfer ist hervorragend gearbeitet, glänzend liegen Augen und Fühler auf dem gepunkteten Kopfteil. Der Prothorax, das vorderste Segment des Brustbereiches bei Insekten, ist mit einer Volutenpalmette (Spirale mit symmetrischer Abstraktion eines Palmenwipfels) geschmückt und von einem Strichband gerahmt; winzige Flügelchen sitzen auf den Flügeldecken.

Auf dem von einer Punktkette eingerahmten Bildfeld sind die fünf der sieben Helden zu sehen, die auszogen um Thebens Thron für Polyneikes zurückzuerobern. Die Namen der Protagonisten:
Amphiaraos, Parthenopaios, Polyneikes, Tydeus und Adrastos
der Heerführer - der den Kampf als einziger überlebte - sind in ihrer etruskischen Form eingraviert. 1755 kam dieser wunderbare Skarabäus, damals schon zersägt, in den Besitz des manischen Sammlers Baron Phillipp von Stosch, dessen Sammlung von 3444 „ pierres gravées“ nach seinem Tod von Johann Joachim Winckelmann - Stosch hatte ihn testamentarisch darum gebeten, seine Sammlung zu publizieren - katalogisiert und 1764 vom preußischen König Friedrich dem Großen erworben wurde. Die Kollektion gehört heute noch teilweise zum Bestand der Berliner Museen.



Die fünf Helden von Theben.
Unsignierter Stich von 1757 nach der Unterseite des etruskischen Karneolskarabäus.

 

 



"Sieben gegen Theben" diente als Titelbild für Winckelmanns "Geschichte der Kunst des Alterthums" von 1764.


 


 4a. Siehe auch: Zwierlein-Diehl: Antike Gemmen und ihr Nachleben,
       Berlin - New York 2007, S. 4-5, 334.


weiter>>
                                     http://www.gemmarius-sculptor.de

© Gerhard Schmidt 2009